Hörverlust ansprechen

So sprechen SIe mit Angehörigen über einen Hörverlust

besser-hoeren.de & Hörakustikermeister Marc Weiß von OTON Die Hörakustiker am UKE im Interview.

Herr Weiß, warum denken Sie, sind viele Menschen mit Hörverlust in Deutschland nicht mit einem Hörgerät versorgt?

Dafür gibt es meiner Erfahrung nach, mehrere Gründe. Einige Menschen spüren den Hörverlust selbst nicht, andere wiederum haben nicht den nötigen Druck sich versorgen zu lassen. Noch kann der Fernseher lauter gedreht werden und man selbst versteht ja das meiste noch.

Gleichzeitig ist das Thema Hörgerät immer noch stigmatisiert. Ein Hörgerät wird auch im Jahr 2020 noch mit hohem Alter und Gebrechlichkeit in Verbindung gebracht, dabei verschafft es Unabhängigkeit und Vitalität.

Dann gibt es zuletzt noch die Menschen, die sich aus Gründen eines Stilbewusstseins nicht versorgen lassen. In den Köpfen der Menschen sind Hörgeräte immer noch fleischfarben, Handtellergroß und sitzen hinter dem Ohr wie ein Klotz. Dabei sind Hörgeräte heute technische Wunderwerke in ergonomisch-stilvollen Designs oder sogar so klein, dass sie im Gehörgang verschwinden und somit so gut wie nicht zu entdecken sind für das Gegenüber.

Warum denken Sie, ist es wichtig diese Gründe zu überwinden und sich bei einem auftretenden Hörverlust sofort versorgen zu lassen?

Neben der Tatsache, dass man wieder barrierefrei mit gutem Hören durchs Leben gehen kann, gibt es klare Erfahrungen mit Nicht-Versorgten, die eine deutliche Sprache sprechen. Wer sich nicht mit einem Hörsystem versorgen lässt, obwohl es notwendig ist, verliert schleichend ein Stück Lebensqualität. Der Hörsinn ist der wichtigste Sinn für unser harmonisches Miteinander. Die soziale Komponente des Hörens, ist vielen eingeschränkt Hörenden zuerst gar nicht bewusst. Es fällt schwerer Kontakte zu pflegen. Wer nicht gut hört, schämt sich oftmals dafür und fragt irgendwann immer weniger nach, ob Sätze nochmals wiederholt werden können und nehmen dadurch immer weniger Teil am Miteinander des Alltags.

Schlecht oder kaum zu hören ist auch eine Gefahr während der Teilhabe am Straßenverkehr. Damit schränkt sich auch schnell die Mobilität der Betroffenen ein. Wer nicht gut hört hat ein erhöhtes Unfallrisiko.

Und dazu kommen natürlich noch die Gründe, die mir besonders am Herzen liegen: Je länger eine Hörminderung unversorgt bleibt, desto schwächer werden die Verbindungen der zuständigen Verknüpfungen im Gehirn. Wer sich nicht versorgen lässt, legt ein Sinnesorgan still und baut neurale Verbindungen ab, so dass dadurch geistige Fähigkeiten schwächer werden.

Bei Erst-versorgten, die schon lange mit einer Hörminderung zu tun haben, kann man sich das vorstellen, wie ein Arm, der lange Zeit eingegipst war. Denn, wie ein Muskel, der nicht mehr bewegt wird, verhält sich auch der Hörsinn. Bei der Erstversorgung muss dieser dann zuerst gestärkt und trainiert werden durch eine Hörtherapie.

Aber wie sorge ich dafür, dass mein*e Angehörige*r sich mit seinem Hörverlust auseinandersetzt?

Aus meiner Erfahrung heraus, haben diejenigen Erfolg, die aus Ihrer eigenen Perspektive erzählen. Führen Sie das Gespräch aus Ihrer eigenen Situation heraus. Dabei können Sätze helfen wie:

  • Ich nehme wahr, dass …
  • Ich beobachte gerade, dass …

Im weiteren Verlauf des Gespräches, kann es zielführend sein auf jemanden zu verweisen, der bereits ein Hörgerät trägt und damit glücklich ist.

Nutzen Sie in Ihrer Argumentation die Unverbindlichkeit des Verfahrens. Ein Hörtest beim Hörakustiker dauert im Schnitt ca. 20-30 Minuten und ist im Regelfall kostenfrei.

Sind Ihre Angehörigen erst einmal mit einem Hörgerät ausgestattet, scheinen alle Barrieren abgebaut und das Hören wird wieder zur absoluten Selbstverständlichkeit.

Je mehr sich Betroffene mit dem eigenen Hörverlust auseinandersetzen und bereit sind, sich auf ein Hörgerät einzulassen, desto besser ist am Ende die Versorgungsqualität!

 

Weiterführende Links:

Beispiel für eine Hörtherapie: https://www.axone-hoertherapie.de/
OTON Die Hörakustiker am UKE: https://www.oton-hoerakustik.de/standorte/hamburg-eppendorf-uke/

Schnelle Antworten

Wie schütze ich mich bei Lärm?
Lärmschwerhörigkeiten treten meistens erst nach einiger Zeit auf, daher empfehlen wir grundsätzlich in lauter Umgebung das Tragen von Gehörschutz. Man unterscheidet dabei zwischen maßgefertigtem Gehörschutz, der individuell angefertigt, und Standard Gehörschutz.
Brauche ich ein Hörsystem?
Fällt es Ihnen schwer Ihre Mitmenschen zu verstehen? Vielleicht in Gruppengesprächen oder im Café? Finden Sie, dass Andere nuscheln und müssen Sie oftmals nachfragen? Stellen Sie den Fernseher häufig lauter? Sollten Sie bei einem oder mehreren der oben genannten Punkten den Eindruck haben, dass diese auf Sie zutreffen, empfehlen wir Ihnen einen Hörtest.
Welche Hörsysteme gibt es?
Grundsätzlich unterscheidet man zwischen zwei Bauformen. Den sogenannten Hinter dem Ohr Geräten (HdO) und den Im Ohr Geräten (IO). Es gibt in den jeweiligen Bauformen viele tausend unterschiedliche Modelle, die sich vor allem in der Leistungsfähigkeit und dem Design unterscheiden.
Welche Kosten übernimmt die Krankenkasse?
Das hängt immer von der jeweiligen Krankenversicherung ab. Die meisten gesetzlichen Krankenkassen zahlen für eine Hörgeräteversorgung rund 700 € (je Ohr). Bei privaten Krankenkassen liegen die Beträge häufig darüber.
Was kann eine Hörtherapie/ein Hörtraining bewirken?
Mit einer Hörtherapie bieten einige Hörakustiker Programme an, die dafür sorgen, dass die Eingewöhnung an das Hören mit Hörgeräten deutlich leichter fällt und somit das Verstehen von Sprache für Sie verbessert wird.
Gibt es spezielle Hörsysteme für Kinder/Jugendliche?
Es gibt von einigen Herstellern bestimmte Hörgerätemodelle, die für die Kinderversorgung besonders geeignet sind. Hier empfiehlt es sich gezielt in einem Hörakustik-Fachgeschäft nachzufragen.
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